Wettkampfambitionen (Teil 1)

…wie alles began.

Wenn du auf diesen Artikel geklickt hast, dann könnten zwei Beweggründe dahinter stecken.

  1. Du hast selbst den Wunsch den Schritt auf die Bühne zu wagen, oder
  2. Dich interessiert meine persönliche Geschichte und zukünftige sportliche Planung?

Auf beide Annahmen werde ich im Folgenden eingehen. Um meine Gedanken für dich greifbar zu machen, möchte ich dir erzählen wie ich zum Wettkampfsport kam und wie ich diese Zeit erlebte. Im Jahr 2011 fand erstmalig ein Bikiniwettkampf als „Vorprogramm“ für den Profiwettkampf auf der FIBO statt. Ich saß im Publikum und beobachtete das Spektakel wobei ich oft den Tränen nahe war – vor Lachen!

Eine Mischung aus absoluter Fremdscham und Entertainment begleitete mich durch den Abend. Ähnliche Gefühle kannte ich bisher nur vom schauen diverser Shows auf RTL. Die Bikiniklasse wurde erst eine Saison zuvor im Jahr 2010 in Deutschland eingeführt und somit wussten weder die Kampfrichter noch die Teilnehmerinnen was eigentlich genau verlangt und bewertet werden sollte. Einheitlichkeit war ein Fremdwort beim „Posing“ und beim Styling. Lediglich bei dem wirklich bizarr wirkenden Popogewackel, Strippermoves und fürchterlichen Plateauschuhen, die ich zuvor nur aus Dokus über die Reeperbahn kannte waren sich die Mädels relativ einig. Kurzum: Mein erster Eindruck der Bikiniklasse war sehr befremdlich, um nicht zu sagen abstoßend!

Lediglich eines fiel mir recht positiv auf: die meisten Mädels sahen sehr schön trainiert aus, was „damals“ noch recht ungewöhnlich und selten war. (Für die jüngeren unter euch: Frauen im Kraftsport sind noch nicht allzu lange salonfähig!)

Ironischerweise wurde ich auf derselben Fibo von gleich mehreren Persönlichkeiten des DBFV und darüber hinaus von namenhaften Athleten angesprochen und gefragt ob ich nicht auch schon über eine Wettkampfteilnahme nachgedacht hätte. Es hieß ich hätte perfekte Voraussetzungen und würde sehr gut in die neue Bikiniklasse passen. Ich wollte davon gar nichts hören. Niiiiiemals(!) würde ich mich in einem viel zu kleinen Stück Stoff popowackelnd auf eine Bühne stellen und meinen fast nackten Körper vor viel zu vielen und noch dazu unbekannten Menschen präsentieren. Klar, der positive Zuspruch von so vielen Seiten schmeichelte mir, aber ich war die, die nie auffallen wollte. Das Mädchen das es hasst fotografiert zu werden. Die, die sich beim Sportunterricht nie vorne in die Schlange stellte um keine Übung vormachen zu müssen. Die, die sich am liebsten unauffällig kleidete (wenn es schon keine Tarnumhänge gibt..). Eines der wenigen Mädchen im Fitnessstudio zu sein bescherte schon für meinen Geschmack zu viel Aufmerksamkeit, aber das Training machte mir so viel Spaß, dass ich die Blicke zu ignorieren lernte.

Als ich mit 15 Jahren anfing im Fitnessstudio zu trainieren hatte ich Bilder von amerikanischen Fitnessmodels im Kopf. Diese hatten „perfekte“ Körper, tolle Schultern, muskulöse Arme und toll geformte Beine, Sixpacks, aber vor allem eines: Sie strahlten Stärke und Selbstbewusstsein aus. Ich, 15jährig, sehr lange 1,75m groß, sehr dürre 55kg leicht hatte schon immer eine sehr realistische Einschätzung von Dingen und glaubte niemals ansatzweise an den Look dieser Fitnessmädels heranzukommen. Aber hat es jemals geschadet Vorbilder zu haben? Nein! Und so trainierte ich, blieb am Ball. Fünf Jahre gingen ins Land, ich machte kleine Fortschritte, ging nach dem Abitur in die USA und trainierte dort so viel wie noch nie. Aufgrund der mangelnden Informationen zur Ernährung von Frauen mit sportlichen Zielen hielt ich mich an wertvolle Tipps aus der Flex. Wenn Ronnie Coleman mit kiloweise Kohlenhydraten diese Muskelberge aufgebaut hat, dann würde ich kleiner Hering doch wohl auch von Kartoffeln, Nudeln und Reis profitieren. Gesagt, getan! Eine Zeit lang bestanden meine Pre und Postworkout Mahlzeiten aus insgesamt 500g Vollkornnudeln (Rohgewicht!). Als ich aus den USA zurückkam brachte ich einige Kilo Muskeln mit, aber auch das ein oder andere Kilo Cheesecake Factory.

Zurück Zuhause packte mich der Ehrgeiz und ich wollte wissen was sich unter der „Wärmedämmung“ meines Körpers verbarg. Meine allererste Diät sollte über ca. sechs Wochen gehen. Ich startete mit 200g Kohlenhydraten (was für meine damaligen Verhältnisse eine immense Reduktion war), wenn ich mich recht entsinne ca. 130g Eiweiß und auf das Fett schaute ich zunächst gar nicht. Es war schon kompliziert genug auf Kohlenhydrate und Eiweiß zu achten und beide Werte tagtäglich handschriftlich in meinem Kalender festzuhalten und auszurechnen. (Myfitnesspal, FDDB und Co gab es damals noch lange nicht…)

Mein Ziel war es bis zur FIBO 2011 das Beste rauszuholen. In ca. 7 Wochen nahm ich 6kg ab und sah zum ersten Mal in meinem Leben trainierte Bauchmuskeln im Spiegel. Was für ein Erfolg!! Ich konnte meinen Körper durch Training und die richtige Ernährung gezielt positiv beeinflussen, konnte stärker werden, an den richtigen Stellen zunehmen und meinen Körper so formen wie ich das wollte. Und da war sie nun, die FIBO. Ich lief zum ersten Mal bauchfrei gekleidet rum, fühlte mich dabei deutlich unwohl und bekam dennoch äußerst positiven Zuspruch von so vielen Seiten. Athleten und Athletinnen die ich vorher nur aus der Flex und von Team-Andro kannte sahen mich und redeten mit mir. Es schmeichelte mir sehr dass ich angeblich eine perfekte Kandidatin für die neue Bikiniklasse sein sollte, aber erstens konnte ich mir nicht vorstellen dass ich wirklich gut genug dafür sein sollte mich auf einer Bühne vor so vielen Menschen zu präsentieren und zweitens wollte ich schon bei dem Gedanken daran schreiend im Kreis laufen.

Da ihr wahrscheinlich wisst dass ich ja doch irgendwie irgendwann auf die Bühne gegangen bin, kürze ich fix ab:

Nach der Fibo ließ mich der Wettkampfgedanke nicht los. Die neue Klasse bot Mädels wie mir die Möglichkeit die Ergebnisse ihrer harten Arbeit zu präsentieren ohne dabei übertrieben große Muskelberge vorweisen zu müssen. Rückblickend betrachtet hatte es mir großen Spaß gemacht einige Wochen lang auf ein Ziel hinzuarbeiten und wer sagte überhaupt dass ich dieses lächerliche Popogewackel mitmachen müsste? Der Reiz ins kalte Wasser zu springen wurde größer und ich beschloss sehr spontan an der nur eine Woche entfernten Hessenmeisterschaft im Frühjahr 2011 teilzunehmen. Ohne die Überredungskünste und große Hilfe von Regiane und Matze Botthoff wäre das nicht möglich gewesen!

Kurzum, eine Woche nach meiner Entscheidung stand ich in einem extrem kleinen blauen Glitzerbikini braun angemalt und mit ca. 3kg farbenfroher Spachtelmasse im Gesicht auf einer Bühne vor viel zu vielen Menschen. Die 11cm Plateauschuhe trugen nicht gerade zu gesteigertem Wohlbefinden bei. Auf übertriebenes Popogewackel hab ich verzichtet. Nicht nur weil ich es hochgradig albern fand, sondern auch weil das blanke Überleben und nicht auf die Fresse fallen schon zu viel Konzentration erforderte.

Wie auch immer, ich belegte den 2. Platz, qualifizierte mich bei meinem ersten Wettkampf für die Deutsche Meisterschaft und stand ehe ich mich versah schon wieder angemalt und eingeölt auf einer diesmal noch größeren Bühne vor noch mehr Menschen. Aus meiner anfänglichen Überwindung resultierte großer, persönlicher Erfolg. Ich hatte Spaß daran an meinem Körper zu arbeiten und die Arbeit zu präsentieren. Der Grundstein für meine sportliche Karriere war gelegt und die internationalen Bühnen rückten bald schon in greifbare Nähe.

Im 2. Teil erzähle ich mehr über meine persönlichen Erfahrungen während Wettkampfvorbereitungen, Opfer die ich bringen musste und wie es für mich in dem Sport weitergeht. 

Hinterlasse einen Kommentar