Wettkampfambitionen (Teil 2)

Den ersten Teil findest du hier: Wettkampfambitionen (Teil 1)

Der folgende Text schildert meine sehr persönlichen, subjektiven Erfahrungen und Gedanken.

Meine erste Wettkampfsaison war so schnell vorbei wie sie angefangen hatte. Ich hielt zwei Pokale in den Händen, sah mein Bild in der FLEX, war stolz auf meine Erfolge und eines stand fest: der Wettkampfsport war nach wie vor befremdlich, aber ich hatte Blut geleckt!

Von dort an reihte sich eine Wettkampfsaison an die nächste. Diätpausen wurden immer kürzer, Vorbereitungen dafür immer länger. Im Herbst 2011 stand ich bei meinem dritten Wettkampf überhaupt zum ersten Mal auf einer internationalen Bühne. Bei der Arnold Classic Europe in Madrid verpasste ich zum ersten und auch letzten Mal knapp das Finale. Es war dennoch eine wahnsinnig tolle Erfahrung. Die Reise, das Teamgefühl, die Location, überhaupt das ganze Drumherum kreierten unvergessliche Erinnerungen.

In den folgenden Jahren stand ich mehrfach in den USA, Kanada, Spanien und Finnland auf der Bühne. Mein Sport ermöglichte mir Reisen in tolle Länder mit denen ich meine ganz persönliche Erfolgsgeschichte verbinde und ich durfte interessante Menschen kennenlernen.

Bei Europameisterschaften und der Weltmeisterschaft zog ich bei jeder Teilnahme ins Finale ein, in den USA erreichte ich einmal sogar eine Top 3 Platzierung bei der Arnold Classic und in Finnland durfte ich nach erstmaliger Zusammenarbeit mit Coach Burak meinen ersten internationalen Sieg feiern. Sponsorenverträge wurden geschlossen und namenhafte Fitnesszeitschriften wie die Muscle&Fitness veröffentlichten mehrseitige Portraits von mir.

In diesen Momenten wusste ich, dass all die harte Arbeit, mein Verzicht, meine Selbstdisziplin sich ausgezahlt hatten. Ich war angekommen und ging voll und ganz in dem Sport auf. Mein jahrelanges Training trug Früchte und ich hatte einen Weg gefunden, meine sportlichen Ergebnisse zu präsentieren.

Das Mädchen das sich in der Vergangenheit oft einen Tarnumhang gewünscht hatte, stand nun öfter vor Kameras. Bilder für Werbeanzeigen und Videos wurden aufgenommen. Auf der Fibo kannten Menschen plötzlich meinen Namen, gratulierten mir zu Wettkampferfolgen und wollten sich mit mir fotografieren lassen. Menschen interessierten sich für mein Training und meine Ernährung, wollten wissen was mein „Geheimrezept“ ist, welche Übung für den Po DEN Unterschied macht.

All das hat mir sicherlich sehr geschmeichelt, aber eines konnte ich nicht verstehen: warum interessieren sich so viele Leute ausgerechnet für mich?

Wer selbst schon Wettkampfvorbereitungen ernsthaft durchgezogen hat weiß, dass alle happy-sunshine-gute-laune Bilder von Athleten auf Instagram definitiv nicht die Wahrheit wiederspiegeln. Du hast ein Ziel vor Augen und einen Tunnelblick. Du bist dein eigener Mittelpunkt und auf deinem Weg zum Ziel schaust du nicht nach rechts oder links – nicht zurück sondern nur gerade aus nach vorne. In der Vorbereitung habe ich mich grundsätzlich zurückgezogen. Familientreffen habe ich gemieden, denn dort wurde gegessen und mein Essen war strickt geplant und abgewogen. Anderen beim fröhlichen Schlemmen zuzusehen gehörte nicht zu meinen liebsten Freizeitbeschäftigungen. Der Tagesablauf wurde nach Training und Mahlzeiten geplant. Abends kochte ich vor, wog meine Mahlzeiten ab bevor ich sie fein säuberlich auf gleichgroße Plastikdosen aufteilte. Zu Zeiten vor Fitnessapps schrieb ich tagtäglich die Nährwerte aller meiner Lebensmittel in meinen Kalender und rechnete Makros und Kalorien aus. Der Sport stand an erster Stelle. Keine Trainingseinheit wurde verpasst, kein Krümel wurde zu viel gegessen.

Kinobesuche oder allgemein Abende mit Freunden waren auf Diät hinfällig, da ich nicht zu lange nach meiner letzten Mahlzeit wach bleiben wollte um nicht Gefahr zu laufen Hunger zu bekommen.

Überhaupt war mein Sozialleben zeitweise nicht mehr existent, soziale Interaktionen beschränkten sich auf Gespräche über den Sport und Ernährung. Meistens waren es Erklärungen und Rechtfertigungen. „Warum isst du so wenig?“, „Warum isst du nur aus Tupperdosen?“, „Schmeckt das überhaupt?!“, „Was würde passieren wenn du jetzt ein Stück Schokolade essen würdest?“, „Darfst du xyz essen, oder nicht?“, „Du bist aber dünn geworden!“ – Wenn ich jedesmal 5 Cent bekommen hätte für diese Bemerkungen oder Fragen, dann wäre ich jetzt reich! Eine Frage tauchte auch oft auf: „Warum machst du das eigentlich?“

Ja, warum mache ich das eigentlich? Das fragte ich mich auch häufiger, besonders aber in den schwierigen Endphasen von Diäten in denen das kalorische Defizit so groß war, dass der Körper begann auf Sparflamme umzustellen und Funktionen die nicht zum Überleben gebraucht werden herunterzufahren. Die Produktion von Endorphinen, Serotonin und Co hielt mein Körper in diesen Zeiten auch für unnötige Energieverschwendung. Seither weiß ich wie es sich anfühlen muss, von einem Dementoren „geküsst“ zu werden. (Für alle Muggel unter euch: Dementoren sind Wesen aus den Harry Potter Büchern, die einem alle Glücksgefühle und die Seele aussaugen, sodass nur noch eine zwar funktionsfähige, aber seelenlose Hülle des Menschen zurückbleibt.)

Warum nehme ich all die Einschränkungen, die Selbstkasteiung und den Zeitaufwand in Kauf? Wofür überhaupt? Dafür dass ich mich für fünf Minuten auf einer Bühne zeigen darf und ausschließlich nach meiner Optik bewertet werde? Dafür dass mir letztendlich nur der dritte Platz gegeben wird, weil fünf von neun Kampfrichter blonde Haare präferieren? Dafür dass ich von dort oben aus sehen kann wie die Kampfrichter ihre Köpfe zusammenstecken und sich beraten, obwohl das Kampfgericht doch neutral werten sollte? –Nein!

Wettkämpfe haben mir ein Ziel geboten auf das ich hinarbeiten konnte. Der Weg war jedoch das eigentliche Ziel. Ich bin oft an meine Grenzen gestoßen, habe sie überwunden und neu definiert. Ich bin stärker geworden und habe gelernt mit Niederlagen umzugehen.

Dem Sport und meiner Wettkampfzeit habe ich sehr viel zu verdanken! Die Zeit hat mich, meine Persönlichkeit sehr geprägt, ich habe das für mich selbst getan, Selbstbewusstsein und Stärke gewonnen. Ich weiß was ich will und was ich nicht (mehr) will. In all den Jahren habe ich mein Herzblut und immer 100% gegeben, konnte mich trotzdem nie komplett mit dem Sport identifizieren, denn auf der Bühne zählt nur eines: deine schöne Hülle! Wenn du dort oben unter den Scheinwerfern stehst weiß niemand dass du bereits als Kind angefangen hast ein Instrument zu spielen, dass du dich gerne bildest und durchaus zu mehr in der Lage bist als stupide Selfies auf Instagram zu posten. Deine Fähigkeiten, deine Seele, deine Interessen, deine Bildung und dein echtes Leben interessieren einfach niemanden wenn du dort oben stehst. Das einzige was zählt ist das Bild das du in den fünf Minuten auf der Bühne präsentierst und dass deine Ausstrahlung sagt „ich habe großen Spaß hier und eigentlich sehe ich eh immer so aus!“.

Bereue ich meine aktiven Wettkampfjahre? Auf keinen Fall! Ich habe alle Höhen und Tiefen bewusst und gerne erlebt! Die Jahre haben mir viel gegeben und sicher auch vieles genommen, aber rückgängig machen würde ich nichts!

Im Frühjahr 2017 startete ich den letzten Anlauf und bereitete mich auf einen Wettkampf in Südafrika vor. Die Vorbereitung lief super, es ging mir gut und meine Knieverletzung schien gut mitzuspielen. Leider wurden Teilnehmer aus europäischen Ländern kurzfristig vom Wettkampf ausgeschlossen sodass die Vorbereitung zu einer „normalen“ Diät wurde. Rückblickend sehe ich dieses Ereignis als Wink vom Schicksal und Zeichen, dass ich den Swarovski-besetzten Glitzerbikini an den Nagel hängen sollte. Mein Leben hat sich sehr zum positiven verändert seitdem ich meine Energie und Ehrgeiz außerhalb des Sportes einsetzen kann. Ich liebe es anderen Frauen dabei zu unterstützen ihre sportlichen Ziele zu erreichen und meine Erfahrungen zu teilen. Die Ziele können unterschiedlichster Natur sein: Reduktion des Körperfettanteils, Aufbau von Muskulatur oder stärker werden. Ich betreue viele Frauen und auch Mütter nach ihren Schwangerschaften denen ich helfe wieder zu ihrer alten Form zurückzukommen, bzw. diese noch zu toppen.

Das Kapitel der Wettkämpfe ist für mich abgeschlossen. (Das Training genieße ich auch nach mittlerweile 12 Jahren noch sehr!) Ich hatte eine tolle Zeit für die ich sehr dankbar bin, aber diese Zeit ist vorbei und das echte Leben bietet so viel mehr.

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